Das große Welttheater

Grimmelshausen

BLACK.POWDER.PUNK
ROLLENSPIEL

vom leiden und sterben
im langen kriege samt und sonders
aller dramatischen wendungen des schicksals
nebst dero ungeseumter auffürung
durch seyne exzellenten protagonisten 

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Epilog

Das Leben

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Die Welt brennt, ihre Städte liegen in Trümmern, das Land verödet. Die Äcker und Höfe wurden verlassen und verwüstet, denn gefräßige Heerwürmer durchziehen die deutschen Länder. Der Glaube der wahren Kirchen befeuert die Eiferer, schändet ihre Gegner und schröpft die Kassen der Könige, Fürsten und Herzöge. Die einfachen Menschen kauern in ihren Katen und Stuben und hoffen, dass die bewaffnete Bande am Horizont sie - so Gott will - übersieht. Landlose Bauern, herrenlose Knechte, kinderlose Witwen, Waisen, Krüppel, Händler, Prediger und Quacksalber suchen ihr Glück im Gefolge des endlosen Trosses aus Reitern, Landsknechten und Gesindel. Ihnen lauern die Schnapphahne und Marodeure auf, um ihnen die Stiefel und – aus Lust an der Greuel und auf erfinderische Art – auch das Leben zu rauben. Jeder muss sein Glück selbst in die Hand nehmen, niemand kann sich eines Lohnes sicher sein, überall lauert das Unheil, die Gelegenheit, die Liebe und der Tod.

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Die Endzeit

Die Welt von Grimmelshausen ist eine fantastische Welt, die nur entfernt an die barocken deutschen Länder des 30-jährigen Krieges erinnert, denn hier walten übernatürliche Kräfte. Es herrscht die Gewissheit, dass Gott, der Teufel, der Antichrist, die Hure von Babylon, dass Zauberei und Wunder das Geschick der Menschen bestimmen und dass Grimmelshausen vor dem unmittelbaren Untergang steht. Die unleugbaren Zeichen sind Krieg, Hunger und Seuchen. So steht es geschrieben, so wird es gepredigt und so wird es kommen. Gott habe diese Zeit zur Endzeit bestimmt und die apokalyptischen Reiter ausgesandt, den jüngsten Tag einzuläuten, Gericht zu halten und die Sünder zu strafen, dass sie Buße tun und sühnen.

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Das Weltheater

Doch das Stück ist nicht beendet, der Vorhang bislang nicht gefallen und die Ewigen haben noch nicht applaudiert. Das Trauerspiel fährt fort und jeder Mensch hat hier seine Rolle zu spielen. Dort, wo ihn ein Gott oder eine Laune hingesetzt hat, ist sein Platz, und dort hat sein kleines Lebenslicht zu leuchten. Vielleicht erhellt sein Strahl die letzten Stunden der Welt ein wenig oder es offenbart ein furchtbares Geheimnis. Vielleicht aber zeigt es anderen auch einen Weg durch dieses Jammertal, um schließlich in einem letzten Opfer lichterloh zu vergehen. Denn diese Welt ist eine Bühne und alle hier sind nur Figuren im großen Welttheater und jede Katastrophe ist letzten Endes nur eine schrecklich unterhaltsame Aufführung.

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Die Würfel

Mit etwas Glück lässt sich in dieser Welt noch etwas erreichen. Auch wenn das Rad des Schicksals gebrochen, Dein Lebensfaden ausgesponnen und das Ende gewiss ist, so zählen die kleinen Dinge doch umso mehr. Im Schoß der gekauften Liebe keuchend wieder zu Atem kommen, siegestrunken den Stahl aus dem wimmernden Feind ziehen, das versoffene Haupt triefend aus dem kalten Trog zu den Sternen heben, mit kristallklarem Verstand von einer höheren Gerechtigkeit zeugen oder mit anderen Gottverlassenen jauchzend das letzte Reich der Freiheit auf Erden ausrufen. Alles, was Du dafür brauchst, ist etwas Glück und Würfel. Doch diese Würfel haben einen Preis und nur wer bereit zu einem hohen Einsatz ist, gewinnt sie, um das Spiel seines Lebens zu spielen. Eine erinnerungswürdige Tat, ein mächtiges Wort, ein schmerzhaftes Opfer oder ein Geistesblitz gewinnen Dir diese kostbaren Flügel des Glücks. Bist Du bereit, sie zu wagen?

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Der Auftritt

Die Bühne ist ein finster Ort, verborgen harrt der große Dramaturg und ew´ge Zeuge. Aus diesem weiten Dunkel steigt ein Flüstern, dann ein Räuspern, Stille… Drei Schläge einer Glocke! In der Tiefe des Raums erglimmt ein schwaches Licht. Eine Gestalt, die Kerze vor der Brust, tritt auf. In Lumpen gehüllt, das Gesicht eine ausdruckslose Maske geht sie in gemessenem Schritt an den Bühnenrand und erhebt ihre Stimme:

Der Dramaturg:
„Die ganze Welt ist ein Schauspiel und alles ist eitel.“

Die Spieler:
„Wir sind eitel, aber  unser Ende ist gewiss.“

Der Dramaturg:
„Die Zeichen sind gesetzt, das Urteil wird gesprochen, die Reiter sind entsandt.“

Die Spielenden:
„Das Gericht naht. Strafe ist unser Sold.“

Der Dramaturg:
„Wird es Lust- oder Trauerspiel sein?“

Die Spielenden:
„Das Urteil liegt im Spiel.“

Der Dramaturg:
„So nennt mir, ihr Maskierten, eure Namen, Stand und Rolle.“

Die Spielenden:
„Denn diese Welt ist eine Bühne und wir sind ihre Figuren.“

Alle:
„Wir treten auf.“